Blutmond

Müde sitzt er da und starrt aus dem Fenster.
Steif sind seine Glieder, verschlossen ist sein Gemüt.
Seine Lider flackern.
Der Mond geht auf, verdrängt die Sonne, strahlend hell.
Dunkelheit kehrt ein.
Ein roter Schleier umfließt die große, runde Scheibe am Himmel.

Er strafft leicht seine Schultern, sie schmerzen vor Kälte.
Sein Atem zieht kleine, zarte Rauchschwaden.
Die Erschöpfung sitzt tief, zu viel hat er erlebt.
Stumpf ist sein Geist, Gleichgültigkeit beherrscht ihn.
Zu viel hat er durch gemacht, zu viel hat er gesehen. 

Der Mond starrt ihn an, tadelt!

Er seufzt auf, hat Kummer.
Noch immer brennt der Mond, er glüht.
Blut klebt an seinen Händen, machtlos, willenlos.
Er hat genug getan, hat Opfer gebracht sein halbes Leben lang.
Frisch ist noch das Blut und doch ist es längst vertrocknet.
Der Mond scheint hell, lacht ihn aus, verurteilt ihn.

„Sieh dich an!
Sie an, was aus dir geworden ist!
Du empfindest nichts mehr für andere!
Du verstehst nicht mehr ihren Schmerz!
Jahrelang hast du dich allen hingegeben und nun.
Nun ist dir alles gleichgültig.
Du hast es nun vergeigt mit deiner Ignoranz.
Vergeigt hast du es, durch deine Gleichgültigkeit.
Nie mehr wieder, wird Liebe in deinen Geist kehren!
Nie mehr wieder, wird jemand so für dich empfinden!
Du hast es vergeigt, du Narr, du Taugenichts!“

Doch der Mond wusste nicht, wie sehr er litt,
wie er all die Jahre versuchte, sein eigen Bild zu wahren,
das Blutvergießen zu beenden.
Die Schmerzen zu lindern;
die Wunden zu heilen.
Und nun ist das Maß voll.
Er empfindet nichts mehr,
er lebt nicht mehr.
Still sitzt er da und betrachtet den Mond.
Der Mond, der ihn auslacht und tropft und glüht.
Die rote Flüssigkeit umfließt ihn, ertränkt ihn.
Stumm sieht er den purpurnen, schwarzen Flüssen zu.
Die Flüsse seines eigenen Blutes.
Nun sieh her Mond, denn bald bist auch du gestorben.

08. November 2011 – 0:51

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5 Gedanken zu “Blutmond

  1. Wortman schreibt:

    Ein starker Text…
    I Gegensatz zum letzten Text kommt es mir hier so vor, als wäre es eher ein wunschtraum des Schreibers und nicht die Psyche von „Ihm“…

    Nichtsdestotrotz hat der Mond den Vorteil, er kommt wieder, wenn er in des Morgens Angesicht immer stirbt…

    Liken

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