Kolumne: Als ich die Depression erfand …

Geburt:

Sicherlich ist einigen von euch schon aufgefallen, dass es mir in letzter Zeit nicht recht gut geht. Warum? Aus Gründen, die ich noch nicht ansprechen möchte. Meine beste Freundin Julia sagte mir heute erneut „sei einfach glücklich und alles geht ganz von allein“. Bei uns schien die Sonne den ganzen Tag ganz wundervoll also habe ich einen Spaziergang gemacht und darüber nachgedacht, wie man „einfach glücklich“ ist. Ich habe es oft versucht, aber wenn ich mir sage „ich bin glücklich“ fühlte sich das in meinem Bauch immer wie eine Lüge an. Es wirkt aufgesetzt, erzwungen. Also habe ich während meines Spaziergangs nachgedacht, wann ich jemals so richtig glücklich war. Nicht erzwungen, nicht einfach gesagt, sondern glücklich nur so gefühlt ohne groß darüber nachzudenken. In diesem Moment fiel mir kein Moment ein. Natürlich hatte ich schöne Momente im Leben, ich habe tolle Freunde, Eltern die mich stützen, Schwestern, die immer für mich da sind. Und es war Glück, zumindest fühlte es sich entfernt so an, allerdings habe ich in jedem dieser Momente immer so eine Art Wehmut die mitschwingt und sich leise einschleicht. Das Glück scheint da, doch alle Momente sind immer umspielt von einem weinenden und einem lachenden Auge.
Ich dachte darüber nach, ob ich nicht vielleicht als Kind glücklich war, denn Kinder sind unbeschwert. Doch ich muss diesen Gedanken untergraben, denn ich war ein Kind von Traurigkeit. Als mittleres Kind geboren, hatte ich doch auch keinen leichten Einstieg ins Leben. Beinahe wäre ich das Geburtstaggeschenk meines Vaters geworden, doch ich kam früher als erwartet und das war auch gut so. Vor allem, weil ich meinen Geburtstag liebe, der Tag an dem mir meine Eltern das größte Geschenk machten, das ich je bekommen konnte. Das Leben. Außerdem wäre es wohl schwierig für mich geworden als jemand, der immer das Gefühl hat im Schatten von jemand anderem zu stehen, sich diesen Tag noch mit jemandem teilen zu müssen. Und mein Vater ist eine dominante Persönlichkeit.
Als meine Mutter nun mit Wehen ins Krankenhaus kam, meinten die Ärzte ich sei noch nicht soweit. Aber Mama beharrte darauf, dass das Kind jetzt kommt, koste was es wolle. Es stellte sich heraus, dass sich die Nabelschnur um mein linkes Bein gewickelt hatte und die Blutzufuhr abdrückte. In Facto, währe ich zum besagten „richtigen Zeitpunkt“ gekommen hätte ich nur ein Bein. An dieser Stelle sollte ich wohl mal „Danke“ sagen. Danke dafür, dass ich zwei gesunde Beine habe. Doch ganz unversehrt blieb ich nicht, immerhin ist die Haut auf der Hinterseite der Wade sehr dünn, außerdem ist sie verziert mit blauen Flecken, die hauptsächlich im Sommer sehr auffällig sind. In der Grundschule wurde ich oft gefragt, wer mich zu Hause schlägt, das war mir sehr unangenehm. Wenn ich dann auch des Öfteren – ich bin ja ein bekannter Tollpatsch – wogegen stoße, trifft es immer genau diese Stelle an der linken Wade, wo es tausendmal mehr wehtut, da das Gewebe eben sehr dünn und empfindlich ist. Weil das noch nicht genug ist, haben die im Labor auch noch meine Blutwerte vertauscht und meiner Mutter erzählten sie, ich sei todkrank und würde nicht lange leben. Als sie den Fehler merkten, war meine Mom todunglücklich, weil sie mit der Frau mitfühlte, die nun eigentlich diese Hiobsbotschaft erhalten würde. Umso dankbarer war sie, als ich es nicht war, die an einer schlimmen Krankheit litt.

Meine große Schwester liebte mich abgöttisch, saß sie doch ständig bei mir im Bettchen oder zusammen im Laufstall, liebkoste mich und erzählte mir vermutlich Geschichten. Ich kenne nur die Fotos, genau erinnere ich mich nicht, denn ich war ein Baby und hab alles vergessen. Vermutlich war es eine großartige Zeit, also konnte ich dort noch keine Depressionen gehabt haben. Ich wurde geliebt, ich muss ein glückliches Baby gewesen sein, doch ich erinnere mich nicht daran. Wie fühlt es sich an?

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6 Gedanken zu “Kolumne: Als ich die Depression erfand …

  1. Wortman schreibt:

    Ich finde, der Begriff „glücklich“ wird einfach überbewertet. Sich einfach gut fühlen… das ist wichtig. Das Gefühl haben, es läuft, ich habe was im Kühlschrank, lebe und weiß was ich will. Das reicht.
    Muss man da speziell glücklich sein? Aufstehen und wissen, dass man abends ohne 1000 Sorgen im Kopf schlafen gehen kann… das ist Glück, das ist glücklich sein.

    Man kann auch nicht die gnze Welt retten. Bisschen weniger denken macht auch glücklich.

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  2. jean schreibt:

    Ich glaube, wir Unglücklichen haben einfach sehr hohe Ansprüche, die sich dann nicht erfüllen/wir selbst nicht erfüllen ((können)) und machen es uns dadurch kompliziert, uns glücklich zu fühlen. Da reicht es dann auch nicht, einen guten Lebensstandard und paar Freundschaften zu haben, weil man auch ziemlich genau weiß, was einem fehlt.

    Vermutlich wär die Frage, was dich glücklich macht, zu persönlich. Deshalb stelle ich sie nicht. 😉

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    • ginadieuarmstark schreibt:

      Ich glaube weniger, dass ich einfach so zu den Unglücklichen zähle, sondern mehr zu denen, die nicht genügsam sind. Ich habe nach etwas höherem gestrebt und das Ziel ist nun einfach weg. Ich bin dankbar für das was ich habe, aber ich wollte immer eine höhere Ebene als das erreichen. Frei sein .. unabhängig.

      Du darfst die Frage gerne stellen, prinzipiell darf man mich alles fragen. Ich bin offen für Fragen jeglicher Art. Sollten sie dann doch mal zu persönlich sein, sage ich das gerade heraus. 😉

      Gerade als ich deinen unteren Text las, dachte ich noch „du kannst die Frage stellen, aber ich kann sie nicht beantworten“. Aber gerade fiel mir ein, das Mee. Am Meer bin ich immer ausgelassen, entspannt und glücklich. Vielleicht sollte ich ans Meer ziehen.

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  3. suzy schreibt:

    Die Frage ist doch „was ist Glück“? Und das definiert jeder selbst.
    ISt es genug Geld zu haben? Eine Familie? Ein Haus? Ein tolles Auto? Ich diskutiere das oft mit meinen Flüchtlingen die jeden Cent umdrehen müssen und für die Glück oder zumindest Zufriedenheit zur Zeit bedeutet einfach mal was kaufen zu können oder mal auf ein Konzert oder ins Kino zu gehen. Für mich ist das selbstverständlich. Was ist Glück für mich?
    Keine Ahnung. Ich habe (fast) alles und bin nur genervt durch die Quereleien mit meinem Ex und und und….
    Und dennoch, wenn ich sehe dass es meinen Kindern gut geht, dass ich nicht jeden Cent rumdrehen muss und dass ich hier mit einem deutschen Pass in Frieden leben kann, das müsste eigentlich Glück sein.Und dennoch fühlt es sich nicht so an….

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