Kolumne: Als ich die Depression erfand – Was habe ich getan um das zu verdienen?

Für Außenstehende ist es immer leicht zu sagen „du bist doch stark, da kannst du doch mal kurz deine Arschbacken zusammen kneifen“. Es ist immer alles leicht zu sagen, wenn man immer „ja“ sagt und immer macht und ackert, immer die Starke mimt und immer wieder aufsteht, obwohl man für immer liegen bleiben möchte. Es ist immer leicht zu sagen „ist doch alles nicht so schlimm“, wenn man alles von außen betrachtet. Wenn man nicht fühlt, was ich fühle, wenn man nicht weiß, was ich weiß und wenn man sich jeden Tag aufraffen muss, um das beste zu machen. Sich jeden Tag aufs neue motivieren muss. Nur was tun, wenn man irgendwann gar keine Motivation mehr hat, keine Stärke, keine Kraft? Was dann? Dann kann man ja einfach die Arschbacken zusammen kneifen, ist ja so einfach. Oder man sucht sich einen neuen Job, wenn einem der alte nicht passt. Menschen reden, treffen Aussagen und wissen gar nicht, was sie für Schäden anrichten. Was es in dem Inneren eines anderen auslöst. Sie haben nicht deine Panikattacken mitten in der Nacht, sie führen nicht deine Gedanken vor dem Einschlafen, in der Zeit, wenn du alleine bist, später, wenn du dir alles noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Sie wissen nicht, wann du an deine Grenzen stößt außer du sagst es und dann lachen sie. Sie lachen und meinen „ist doch alles halb so wild, das schaffst du schon“. Andere fragen „warum sagst du nicht einfach mal ’nein‘?“ Weil immer wenn ich ’nein‘ sage die ganze Welt am ausrasten scheint bis ich dann doch wieder einlenke. Aber was habe ich davon außer eine weitere chronische Erkrankung. „Wenn Sie sich jetzt krank schreiben lassen, werden Sie die erste sein, die ich wegen Corona entlasse“. Was soll man da machen? Weiter natürlich und man geht immer weiter krank in die Arbeit, bis es nicht mehr geht und wenn man dann doch endlich zu Hause bleibt, dann bekommt man die Brühe immer wieder vorgesetzt. Ihr wisst nicht, was das mit jemanden macht, denn für euch ist alles so einfach.
Vor zwei Jahren noch, war ich glücklich. Mein Leben war nicht perfekt, aber es ging mir gut, ich kann sogar sagen, dass ich so ziemlich zufrieden war. Und dann kam der Zeitpunkt, an dem alles umschlug. Ich habe euch alles gegeben, meine Liebe, meine Kraft, mein Engagement. Habe meine Gesundheit mehr als einmal aufs Spiel gesetzt, mein Leben zurück genommen euch in allem unterstützt und als ich dann mal „nein“ sagte, weil ich nicht mehr konnte und einfach mal ein bisschen Zeit für mich brauchte, da war es nicht mehr recht. Ich bin kaputt, ihr habt mir alles genommen, habt mich weggeworfen wie Abfall. Jetzt wo ich nicht mehr richtig funktioniere, da bin ich nichts mehr wert, war nur solange recht als ich immer „ja“ und „amen“ sagte. Mein Körper ist zerschunden, meine Seele zerstört und weil das alles noch nicht genug ist, gibt es nebenbei auch noch Corona, das an meinen Nerven zerrt. Was habe ich getan um das zu verdienen? So habe ich doch versucht immer alles im positiven zu sehen und doch kam all das in mein Leben. Was habe ich getan um das zu verdienen? Was muss ich nun wieder lernen? Nach Anerkennung habe ich gestrebt und das mache ich wohl schon mein Leben lang. Das tragische an der Geschichte ist, dass diese Anerkennung, egal wie sehr ich mich auch anstrenge, kaputt mache oder engagiere, immer ausbleibt. Bis ich kaputt bin und am Ende nicht mehr gebraucht werde. „Jeder Mensch ist ersetzbar“, sagte mein ehemaliger Chef einmal und leider hatte er damit recht. Er meinte es nicht böse sondern einfach nur pragmatisch. Wenn der eine den Job nicht mehr machen kann, wir ein anderer kommen und so ist es. Was will man erwarten in einer Welt, in der es nur um Profit geht? Wie soll jemand wie ich in so einer Welt überleben? Wo gibt es noch Orte an denen man als Person etwas wert ist, keine Nummer trägt?

10 Gedanken zu “Kolumne: Als ich die Depression erfand – Was habe ich getan um das zu verdienen?

  1. Wortman schreibt:

    Ich denke auch, über den Schatten springen und event. Hilfe annehem ist ein wichtiger Punkt.
    Jobwechsel in Zeiten von Corona dürfte ein bisschen schwierig werden, denke ich.

    Ich weiß, es ist schwer aber lernen nein zu sagen ist ein wichtiger Eckpfeiler der Gesundung.

    Gefällt 1 Person

schreib was, ich beiße nicht ;) (Indem du die Kommentarfunktion nutzt, erklärst du dich mit der DSGVO von Passion of Arts und somit der Verarbeitung deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.